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Die Freiheit Litauens und die Wiedervereinigung Deutschlands - historische Parallelen

Podiumsdiskussion Vytautas Landsbergis – Dieter Genscher  "Die Freiheit Litauens und die Wiedervereinigung Deutschlands – historische Parallelen". Karlspreisverleihung 2013, Aachen, Rahmenprogramm in der Fachhochschule, Aachen, 12-04-2013.        

                 Die Freiheit Litauens und die Wiedervereinigung Deutschlands

historische Parallelen

Karlspreisverleihung 2013

Rahmenprogramm in der Fachhochschule Aachen

 

Podiumsdiskussion Vytautas Landsbergis – Dieter Genscher, Aachen, 12-04-2013

Moderator Dr. Joachim Tauber

 

Markus Baumann: Ich darf mich vielleicht ganz kurz vorstellen. Mein Name ist Markus Baumann, ich bin der Rektor der Fachhochschule Aachen und ich bin besonders stolz, dass im Rahmen der Karlspreis Verleihung an Dalia Grybauskaitė  dieses Jahr hier eine Veranstaltung des Rahmenprogramms stattfindet, nämlich zu dem Thema „Die Freiheit Litauens und die Wiedervereinigung Deutschlands“. Diese Veranstaltung wird organisiert von der Fachhochschule Aachen, von der Karlspreisstiftung, der Stadt Aachen, der Botschaft der Republik Litauen, dem deutsch-litauischen Forum und der Friedrich Neumann-Stiftung und daher kann ich auch ganz besonders einige Ehrengäste begrüßen, an erster Stelle seine Exzellenz, den Botschafter der Republik von Litauen Herrn Deivydas Matulionis, grade auch ganz frisch aus Madrid mit dem Flugzeug hier eingeflogen kann ich auch begrüßen den Honorarkonsul, der von Litauen Herrn Professor Doktor Jürgen Gramke. Vom Karlspreis Direktorium möchte ich ganz besonders herzlich begrüßen Herrn Helg, schön, dass Sie da sind. Und last but not least Herrn Doktor Tauber, der als Direktor des Nord-Ost Instituts an der Uni Hamburg und  Vorsitzender des deutsch-litauischen Forums gleich als Moderator hier fungieren wird.

Meine Damen und Herren, die beiden Hauptpersonen haben bereits Platz genommen und ich muss sagen, in meinen jungen Jahren von 57 bin ich ein wenig doch berührt. Ich sagte eben schon zu Herrn Genscher, Herr Genscher hat mich Teile meines Studiums, er hat dann mich verbessert, er war nämlich zwanzig Jahre Vizekonsul und Außenminister, sozusagen, durch mein Studium begleitet, er war sozusagen der Fokus unserer politischen Aktivitäten in gewisser Weise und das ist schon etwas ganz Besonderes und ich freue mich ganz besonders ihn heute hier zu haben. Bitte begrüßen Sie ihn ganz herzlich. Nicht weniger herzlich möchte ich begrüßen Herrn Professor Doktor Vytautas Landsbergis, der zeitig Mitglied des Europaparlaments und der erste Präsident der Republik Litauen nach der Zerschlagung der Sowjetunion. Herzlich willkommen.

Und damit meine Damen und Herren möchte ich es gerne bewenden lassen und das Wort übergeben an Herrn Helg, der auch noch eine Begrüßung hier verlesen wird.

Herr Helg: Wunderschönen guten Abend meine sehr verehrten Damen und Herren, mein Name ist Georg Helg, ich stehe hier als Vertreter von Jürgen Linden, dem Sprecher des Karlspreis Direktoriums, dessen Mitglied ich bin. Und auch, wenn die Verhandlungen und die des Küren eines Karlspreisträgers der strengsten Diskretion unterliegt, glaube ich, verrate ich kein Geheimnis, dass wir uns diesmal bei der traditionellen Klausur, in der wir Anfang Dezember den neuen Karlspreisträger festlegen, eigentlich von vorn herein wussten, dass wir das Baltikum ins Auge fassen wollten. Und dass eigentlich darum ging letztendlich, wen von den vielen Möglichkeiten des Baltikums wir auswählen würden.

Warum das Baltikum? Wir haben, und das sagt das heutige Thema ja auch, wir haben noch sicherlich sehr stark in Erinnerung, mir geht das jedenfalls so, wie das 1989 aussah, als ich gerade in Litauen war, und Litauen war das zentrale Land in diesem Fall, wie sich gerade Litauen mit einem enormen Mut der Bevölkerung aber auch seiner Führung, und da ist Herr Professor Landsbergis natürlich an erster Stelle zu nennen, sich gegen die Kraft der Sowjetunion und auch gegen Gorbatschow, den die Litauer sicherlich nicht als Friedensengel damals empfunden haben, zu Wehr gesetzt haben, sich ihre Unabhängigkeit erkämpft haben, und dabei wurden sie natürlich unterstützt von dem zweiten Gast des heutigen Abends, von unserem früheren Außenminister Hans Dietrich Genscher.

Lieber Hans Dietrich Genscher, die Rolle, die Sie für ganz Europa in diesem entscheidenden Jahr gespielt haben, kann man, glaube ich, nicht hoch genug ansetzen. Und das, was Sie für Deutschland bewirkt haben, jetzt ganz speziell. Ich sage nur mal ein Stichwort. Zwei plus Vier statt Vier plus Zwei. Wie Sie die deutschen Interessen in der Auseinandersetzung mit den Alliierten vertreten haben und letztendlich zu einem exzellenten Ergebnis geführt haben, ich glaube, das hat Sie für alle Zeiten nicht nur in Deutschland, sondern in der Geschichte ganz Europas verewigt. Ich wünsche dieser Diskussion einen hervorragenden Verlauf und Ihnen einen interessanten Abend. Vielen Dank.

                      Moderator: Meine Damen und Herren, ich möchte ganz kurz Ihnen vor allem an Herrn Professor Landsbergis und natürlich an Herrn Genscher einige biographische Skizzen, einige Anmerkungen machen. Beide sind mit ihrem Leben eine Symbolik für das, über was wir heute sprechen werden.

Herr Professor Landsbergis ist Künstler. Er ist Musiker. Er hat über den bekannten litauischen Komponisten und Maler Čiurlionis promoviert. Er ist Professor für Musikwissenschaft. Und er wird erst dann Politiker. 1988 als im Verlauf der Perestroika in Litauen Sąjūdis gegründet wird. Und dann beginnt eine ganz andere Karriere, die ihn an die Spitze der jungen litauischen Demokratie bringt, die ihn zu einer der Galiots-Figuren des Umbruchs in Ostmitteleuropa wird. Eigentlich von der Vitae nur mit Wasserfarbe zu vergleichen. Ein anderer Intellektuelle.

Den Mann zu meiner Rechten brauche ich nicht vorzustellen, ihn kennen Sie alle. Aber auch Herr Doktor Genscher ist ein Symbol. Das erste juristische Staatsexamen haben Sie noch in Halle gemacht und am 20. August 1952 sind Sie über Westberlin nach Westdeutschland und haben daran das zweite juristische Staatsexamen gemacht. Auch hier eine tiefe Symbolik für die Ereignisse, über die wir jetzt sprechen wollen, mit zwei Männern, die nicht nur Zeitzeugen sind, sondern die gestartet haben, die diesen Umbruch mitbewirkt haben. Und wir haben uns überlegt, dass wir drei Punkte ansprechen. Persönliche Erinnerungen, persönliche Erfahrungen, dann in der Hauptsektion wollen wir darüber sprechen, was 1988, 1989, 1990 geschehen ist. Wir wollen aber versuchen, Rückwirkungen zwischen dem Weg zur deutschen Einheit und dem Weg zur litauischen Unabhängigkeit aufzuzeigen, auch eventuell, wo sich Ziel, Zielsetzungen nicht linear abgezeichnet haben. Und der letzte, abschließende, Punkt ist dann, dass ich die beiden Herren bitten möchte, einen Rückblick nach fast fünfundzwanzig Jahren auf die Ereignisse zu ziehen, auch was an Hoffnungen in Erfüllung gegangen ist, wo sie noch Handlungsbedarf sehen. Das ist das, was wir in nächsten knappen neunzig Minuten machen wollen.

Und meine erste Frage ist gerade zu zwangsläufig, wann haben Sie sich eigentlich persönlich kennengelernt? Herr Genscher, wenn ich Sie fragen darf.

Hans-Dietrich Genscher: Deutschland gehörte zu den Ländern, die als erste die diplomatischen Beziehungen mit den drei baltischen Staaten wieder aufgenommen haben. Viele sagen, die die anerkannt haben, das war aber falsch, denn wir haben die Besetzung der baltischen Staaten durch die Sowjetunion niemals anerkannt und bedurften deshalb auch nicht einer erneuten Anerkennung. Sondern, was wir tun mussten, war die Aufnahme diplomatischer Beziehung anzubieten. Das war für uns als Deutsche keine einfache Angelegenheit, deshalb, weil parallel zueinander war der Wille der baltischen Völker zur Unabhängigkeit und der Wille der Deutschen zur Einheit. Und wir brauchten die Zustimmung Moskaus. Trotzdem waren wir der Meinung, wir dürfen auch nicht auf unserem Wege andere vergessen. Und in der europäischen Gemeinschaft war es vor allem der damalige dänische Außenminister Uffe Ellemann-Jensen, der mit besonderem Nachdruck sich für die baltischen Staaten eingesetzt hatte, der redete mich eines Tages an und sagte, es ist jetzt Zeit, dass wir die diplomatischen Beziehungen aufnehmen, ich weiß, wir müssten Rücksicht nehmen, aber.

Wir haben schon jemanden, der das als erster macht. Island. Das war weit weg und die anderen Kandidaten sagten „die hätten mehr Beinfreie“. Island, und dann machen wir, Dänen, aber wir können das nur machen, wenn Ihr das dann macht. Am besten, am nächsten Tag. Dann haben wir gesagt, wir machen am nächsten Tag, so ist es dann gekommen. Und dann war dafür Zeit, dass wir uns auch sozusagen persönlich identifizieren mit diesen Ländern, die nun ihre Unabhängigkeit neu in Anspruch genommen haben, und deshalb besuchte ich die drei baltischen Staaten. Herr Landsbergis war derjenige an der Spitze eines Staates, der einzige, den ich je in den Sandsäcken verborgen getroffen habe. Seine Amtsräume konnte man nur erreichen, wenn man durch Sandsackbarrikaden hindurchging. Das war noch aus der Zeit, in der man mit dem Eingriff sowjetischer Truppen gerechnet werden musste, und insofern ist das von besonderer Erinnerung und auch besonderer Bewegung. Also er ist für mich der Mann, wenn ich sein Bild sehe, sehe ich immer noch in der Nähe Sandsäcke als Barrikade gegen mögliche Beschüsse von anderer Seite.

Moderator: Herzlichen Dank. Auf dem Bild hier oben sehen Sie keine Sandsäcke, aber es ist ein Foto dieser ersten Begegnung. Herr Landsbergis, warum damals die Sandsäcke im Parlament?

Vytautas Landsbergis: First of course you maybe know that in January of 1991 Lithuania was attacked by Soviet troops, by paratroopers, by special killers’ unit sent from Moscow "Alfa". They seized the TV tower and the Parliament of course was on the line to be attacked. We prepared in the Parliament to defend ourselves for some time, maybe for one hour or maybe several hours, but to show that Lithuania is attacked and Lithuania is defending herself. That it is not a simple change of Governments, but it is foreign aggressive attack on our independent state. Of course, we proclaimed the independence in 1990 on March 11th. It was a challenge for all democracies not recognizing Soviet occupation but cautious to recognize independence. And quite all were in the same position:  supporting morally, supporting by Parliaments but with cautiousness in Governments. Therefore the Soviets could use such attacks and blockades: economic blockade, energy blockade. But in January this did not help. The Lithuanian state was not broken by blockades, so they used armed force in January 1991 counting that this aggression and bloodshed will be fully overshadowed by the Persian Gulf War. The same days, and they used the moment, chose the moment. Nobody will pay attention to Lithuania, when the whole world will look to the Kuwait and Persian Gulf. But they stumbled with this calculation. Lithuania withstood. But from those days when we were prepared to real military attack, there were those sand bags on the staircases to my cabinet, and also the whole Parliament was surrounded by barricades made of building materials and blocks brought from building sites.

So we were on this siege and later when the direct danger was over, we decided and I decided to keep the barricades as remembrance until Soviet troops stay in Vilnius. Until then.  When they are out, okay, then we could show that we are now safe. But until they stay in Vilnius and are roaring around with their armoured cars and tanks, let those barricades and sandbags are a sign that we are in danger, we are suffering aggression. And our demand to the free world was for support and pressure for Gorbachev and the Soviets to stop this aggression and to leave independent Lithuania. Therefore, those sandbags were later some sort of a weapon, our propaganda or psychological weapon to show our situation without anymore explanation needed: we are under siege and we are ready to defend our liberty.

Moderator: So it was very important that the German Foreign Ministry came to the Parliament and talked to you?

V. Landsbergis: Of course.

Moderator: But what did you talk about? Did you talk about the position of the Soviet Union, about getting acknowledged by German government?

V. Landsbergis: Officials and members of Governments did not come so soon. Parlementarians used to come to visit us, but the first foreign minister who visited us immediately after the bloodshed was J. B. Hannibalsson from Iceland.  I knew then a little bit and now I know very well that he was the man who already in the middle of 1990 was calling the OSCE conference in Copenhagen that until Baltic States are not free, the Second World War is not over.  There is no end for Second World War until the Baltics are still occupied. That was a very firm position and it was the repeated at the end of 1990 by the Parliament of Iceland Althingi. I have this letter, in which the Parliament underlined and informed that the Althingi had adopted a decision to the government to prepare restoration of diplomatic relations. So this was already a recognition, which came fully in February, two months later. They also confirmed the same position (it was a letter of the chairperson of their parliament to me as President of Parliament that Iceland stays on this position until those nations are captive. Maybe they did not use this formula, but that was the right formula: until they are captive, the Second World War is not ended.

So, as I said, J. B.  Hannibalsnon was the first. Later we had negotiations also with Denmark and Uffe Ellemann-Jensen was very positive. They found a little bit different formula that they recognize independence of Lithuania as it was before the war, until the war that it is the same country and the same principle of independence. But as for diplomatic relations by later appointing ambassadors, they must find a proper moment a little bit later. This moment came in August when “European 12” decided that the Baltic States should be recognized as fully independent European states and then there were many visits. Then there were many visits one after another, and very soon we met with Herr Genscher with a solid delegation in Vilnius, because the minister brought with him also personalities to investigate situation and prepare a report how and what assistance of Germany is needed and will be contributed to Lithuania. That was a very concrete and practical standpoint. Thank you very much for it.

There are some more remarks. It was interesting and I remember how you underlined the importance of the day, on what day you came. It was September 12th, and you underlined that it was exactly one year after the signing of agreement 2+4 in Moscow - the unification of Germany. To commemorate this one year date you came to Lithuania. Thank you.

Moderator: Ich möchte noch einmal zurückgehen auf den 11. März 1990. Das erste freigewählte Parlament Litauens tritt zusammen, wählt Herrn Professor Landsbergis zum Parlamentspräsidenten und erklärt einstimmig die Unabhängigkeit Litauens, beziehungsweise die Kontinuität der unabhängigen Litauischen Republik von 1940.

Herr Genscher, der Schritt ist bis heute umstritten, weil bis auf Island kein Staat die litauische Unabhängigkeit anerkannt hat. Wie war damals die Haltung der Bundesrepublik, sahen Sie da, ich meine, eine Gefährdung für den Prozess auf die deutsche Einheit, oder hätten Sie dem Litauen auch geraten, diese einseitige Unabhängigkeitserklärung damals abzugeben?

H.-D. Genscher: Also wir hielten die Erklärung der Unabhängigkeit für richtig, weil sie ausdrückte, was das litauische Volk wollte. Deutschland war in einer sehr komplizierten Situation. Herr Landsbergis hat eben erwähnt, 1990 hatten wir den Zwei-plus-Vier-Vertrag in Moskau unterzeichnet und dieser Vertrag entließ Deutschland aus der übergeordneten Gewalt der vier Siegermächte. Bis dahin hatten die Vereinigten Staaten von Amerika, die Sowjetunion, Frankreich und England die höchste Autorität in Deutschland. Sie hätten jederzeit unser Parlament auflösen können, unsere Regierung abberufen können. Und dieser Vertrag wurde unterzeichnet aber musste ratifiziert werden. Am Jahresende 1990 waren von den Unterzeichnermächten mit einer Ausnahme alle Unterschriften da. Das heißt, die Parlamente hatten ratifiziert und die Urkunden wurden hinterlegt. Hinterlegungsort war Deutschland, war Bonn. Und nur eine Urkunde fehlte. Das war die Urkunde der Sowjetunion, weil es in dem Führungsgremium  der kommunistischen Partei schwere Auseinandersetzung darüber gab, ob die Sowjetunion zu dem stehen sollte, was Schewardnadze in Moskau in Gegenwart von Moskau, von Gorbatschow unterzeichnet hatte. Im Dezember 1990 trat Schewardnadze zurück, weil er seine Position angesichts der immer stärker werdender Kritik nicht mehr halten konnte. Und im auswärtigen Ausschuss des Obersten Sowjet, heute der Duma, damals Oberste Sowjet, tobte der Kampf, ob man ratifiziert: ja oder nein. Sie können sich vorstellen, dass wir natürlich darum gebangt haben, dass dort eine Mehrheit für die Unterzeichnung zustande kommt. Und ich kann Ihnen sagen, ich habe jeden Tag mit unserem Botschafter telefoniert, ob es Anzeichen gibt, wie es weiter geht. Und dann kam der Tag, aber der lag nach der Unabhängigkeitserklärung, an dem der Botschafter mich morgens um sieben Uhr anrief und sagte, „ich habe soeben die Mitteilung bekommen, die Ratifikation ist diese Nacht erfolgt. Und der sowjetische Botschafter wird jetzt mit einem Flugzeug die Urkunde bekommen und kann sie Ihnen übergeben.“ Und in dem Moment, wo er mir die Urkunde übergab, war Deutschland zum ersten Mal wieder voll souverän seit 1945. Ich bestellte ihn für acht Uhr ins auswärtige Amt und ich kann Ihnen sagen, meine Hand hat gezittert, als ich diese Urkunde in Hand nahm, denn das hieß, jetzt sind wir wieder ein souveränes und von jeder Vorherrschaft freies Land. Ich bin dann, danach haben wir mit dem Botschafter uns noch unterhalten, und bin dann, als Bundestag zusammentrat um neun Uhr in die Plenarsitzung gegangen habe um das Wort gebeten und die Urkunde hoch gehalten und dann habe ich gesagt, „meine Damen und Herren, kann ich Ihnen mitteilen, wir sind heute wieder voll souverän.“ Das war für den Bundestag eine bewegende Sache. All die deutsche Zurückhaltung beruhte sich am Anfang darauf. Wir konnten Ihre Haltung gut verstehen, und dann wurde natürlich auch in den verschiedenen Hauptstädten abgewogen, was bedeutet eine sofortige Austausch von Botschaft einer Anerkennung für die Position von Gorbatschow: wird das seine Position eher schwächen oder stärken, das hat alles eine Rolle gespielt. Nur dann kam der Zeitpunkt, wo mein lieber Kollege und Freund  Ellemann-Jensen und ich wirklich der Meinung waren, das darf man nicht länger auf die lange Bank schieben, sonst kann das zu falschen Rückschlüssen, was die Haltung des Westens angeht, überhaupt führen und dann haben wir diese Prozedur so eingeleitet, wie sie dann abgelaufen ist,  und die anderen sind dann auch sehr schnell dem gefolgt.

Moderator: Ich würde doch noch mal andere weitere Frage an Sie stellen, Herr Genscher. Der 13. Januar 1991. Herr Landsbergis hat es erwähnt, sowjetische Spezialeinheiten stürmen den Fernsehturm in Vilnius, dreizehn unbewaffnete Litauer, Demonstranten für die Freiheit ihres Volkes werden erschossen oder von Panzern überrollt. Es ist in diesem Moment nicht abzusehen, wie es weiter gehen wird, es ist nicht abzusehen, ob nicht die Sowjetunion doch mit Gewalt den Unabhängigkeitszwang der baltischen Staaten unterdrücken wird, was kann man dann eigentlich hinten den Kulissen machen, Herr Genscher? Gibt es da Einflussmöglichkeiten, können Sie sich daran erinnern, wie Sie damals die Situation beurteilt haben,  gab's dann Kontakte mit den Amerikanern, oder haben Sie probiert mit den Russen zu sprechen?

H-D. Genscher: Ja, wir haben natürlich untereinander einen ganz engen Meinungsaustausch gehabt, aber wichtiger war mir, was ich aus Moskau hörte. Und da gab plötzlich eine Mitteilung aus der Umgebung von Gorbatschow, dieser Zugriff sei ohne Wissen von Gorbatschow erfolgt. Und Gorbatschow hat mir dann später, als ich ihn getroffen habe, das noch einmal versichert, dass sei wirklich ohne seinen Wissen geschehen. Ich weiß, dass man das in den baltischen Staaten anders sieht, oder man das in den baltischen Staaten anders sehen, ich musste so ihn nehmen, wie er es mir gesagt hatte, er hat mir eigentlich auch nie etwas gesagt, was nicht stimmte, einfach hätte er gar nichts gesagt. Aber dass das eine für ihn eine schwere Entscheidung war, denn das wäre ja ein innerer Bruch mit der Politik gewesen, den er bis dahin gemacht hätte. Für ihn wäre das im Grunde ein Rückzug an der bisherigen Politik gewesen. Aber eines war für uns klar. Die Tatsache, dass er nicht offen sagen konnte, „ich wollte das nicht, die Verantwortlichen werden zu Rechenschaft gezogen“, zeigten mir, wie geschwächt seine Position bereits war. Denn sonst hätte er in ganz anderer Weise reagiert. Es kommt also, glaube ich, nicht daran an, wie viel wusste er und was wusste er, sondern es kommt darauf an zu erkennen, dass er auf jeden Fall nicht mehr stark genug war, sich auch nach hinein dagegen zu stellen, sondern dass er den Eindruck vermitteln musste, und den Eindruck öffentlich in der Sowjetunion zuließ, dass das auch sein Wille gewesen war. Und das war für uns natürlich angesichts des Standes der Beratung im Obersten Sowjet über unser Vertrag eine anders zu allerhöchster Sorge.

Moderator: Herr Landsbergis, es gibt Fotos vom 13. Januar 1991 von Ihnen im Parlamentsgebäude mit Schutz-sicherer Weste. Junge Männer mit Schnellfeuergewehren, die Sandsäcke. Die Nacht vor dem 13. Januar 1991. War das Gefühl da, wir scheitern doch noch, wir werden gewaltsam unterdrückt werden und wir werden in diesem Parlament sterben. Vor dem Parlament standen litauische Demonstranten, ebenfalls unbewaffnet, und haben darauf gewartet, ob die Sowjets das Parlament stürmen. War das die schlimmste Stunde, war das der Moment, wo Sie dachten, es wird alles nicht positiv enden?

V. Landsbergis: I would like to turn a little bit back to the way why and when this aggression was prepared.  It was not without Gorbachev‘s awareness and knowledge. He gave the permission, it was investigated, it was not written permission, but an oral permission to his ministers of defence and state security and interior: OK, go and try, if it is so as you say to me that there are little people standing by Landsbergis and so many are waiting for the Soviet action and will be happy to be again in the Soviet Union and not under the rule of bourgeoisie. As they still used communist‘s dictionary. But they prepared it seriously; they counted on the Gulf War to combine it at the same time. And this very night when the attack began, I tried to call Gorbachev, as there still was a direct line. But I was not given Gorbachev. Some person said to me that he was asleep and that they could not disturb him. It was a lie, in the same way as unfortunately he was lying to you and everybody else that he was not aware [of what was going on].

I reached B. Yeltsin that night, when the bloodshed was already going on. Yeltsin called Gorbachev, and Gorbachev was not sleeping. Gorbachev responded to Yeltsin, and Yeltsin demanded strongly: stop this outrage. But Gorbachev did not stop. He could, he could say: OK, it was not planned, we only wanted to threaten a little bit to a make psychological pressure on those Lithuanian independentists. But as now it is going so that people have already been killed, and there are terrible things - I order to stop it and to go back to the barracks. No, he did not. He was aware, he was sitting at the headquarters and following events waiting that maybe it will very soon finish. It was not soon finished, and that was a political catastrophe for him, of course. But as he kept and until today he keeps this line of lie that he was not aware, and I understand that for referents, colleagues, politicians - for them it is impolite not to believe him. It‘s better to believe or to pretend believing. It is unpleasant to see this old person with some good work in his biography now lying. How to say to him: stop lying? Nobody said that. But the fact is that.

We have to understand, maybe the younger people here, the dual situation of Lithuania then after the independence was proclaimed by the vote of the Parliament. The Parliament was elected democratically in competitive elections, thus having full mandate to speak on behalf of the nation, of the people. And the Parliament issued this decision and adopted a set of constitutional laws about the restoration of our independence. Of course, it was a challenge for democracies and for Gorbachev, as well. We sent a letter to Gorbachev and appealed to him that that was a chance for him to end this crime made by Hitler and Stalin, when they agreed to divide the nations, to take them captive, and we were given to Stalin.  But Gorbachev is not Stalin, such was our opinion. We asked him to not be Stalin and to not continue the policy of Stalin, but to improve.  He did not want or maybe he could not. He was not a tsar or king or a dictator. He was appointed for some role by real power-persons or a group of old communists and chiefs of power structures.

So we found ourselves in a situation in which Moscow or rather the Kremlin, I would say, - Moscow was democratic then, Moscow was on our side, one more paradox, - but the Kremlin was against because they saw it as a beginning of the end of the empire. Empire built by force. Our position expressed by me at the Congress of People‘s Deputies in Moscow in 1989 was that we expect that the solution for the Soviet Union is to be made by free will of the people. Not by military and KGB force on the nations.  If they will decide to be in such a Union or in another union, let them be - give them the right of decision. Nations have the same rights as the people. So we were in the situation in which Gorbachev quite long did not use open military force, only economic blockade, even political blockade. The first country was Iceland who broke this diplomatic blockade recognizing Lithuania, not worrying so much about the consequences. They were in the distant Atlantic Ocean and most independent from the Soviet Union. The little Iceland. And they followed this way.

So all this time we were treated by the concept that we still were a part of the Soviet Union and that Gorbachev had the right to do with us as with a rebellious province and that he wanted to bring us to order. The position of democracies was supportive for us, but not enough. A very important point was when two leaders of Europe, Helmut Kohl and Francois Mitterrand, sent to me their joint letter. This letter and the following events also from the German side. I now realize, that we were not so much aware about what Minister Genscher said about this fragility or that Germany also was not free, even West Germany.  We did not realize this. West Germany for us seemed a free and mighty country, while East Germany was a captive nation like we, with a similar destiny. A captive nation which also wants to be free, and with the falling of the Wall it became a free nation and joined West Germany.  But this letter is very informative and even before. Main decision was made on September 12th 1990. No, 1989. In 1991. But in 1989 December 1 Helmut Kohl gave a speech to the Bundestag, when the Parliament commemorated the 50th anniversary of the beginning of Second World War. As everybody knows, the war was pre-planned and initiated by two butchers – Hitler and Stalin. And now I‘ll quote Kohl from his famous speech:

 

„Wir Deutsche begreifen die besondere Verantwortung, die uns daraus erwächst, dass Hitler nach Abschluss dieses von vielen so genannten Teufelspaktes Polen mit Krieg überzog. Die damaligen Vereinbarungen bedeuteten eine schändliche Missachtung der Unabhängigkeit und territorialen Integrität Polens, der baltischen Staaten, Finnlands und Rumäniens. Dieser Anschlag auf das Völkerrecht, nicht zuletzt auf das Selbstbestimmungsrecht, war durch Nichts aber auch gar Nichts zu rechtfertigen.“

„Der Hitler-Stalin-Pakt war das Produkt eines zynischen Zusammenspiels zweier Diktaturen. Die eine der beiden ist in dem von ihr selbst entfachten Inferno ein für allemal untergegangen. Die Sowjetunion steht - 36 Jahre nach Stalins Tod - mitten in einem schmerzhaften Prozess der kritischen Selbstprüfung.“

 

Unfortunately Russia of today does not stand even here, on the crossroad; it went back. But half a year after this speech and four months after the fall of Wall, Lithuania broke her own wall proclaiming independence and then, as I already mentioned, the letter from Helmut Kohl and Francois Mitterrand came. This letter was given different interpretations, of course, one right and one misinterpretation. But even H. Kohl in his later memoirs drew the line then desired by Gorbachev and Shevardnadze visiting Helmut Kohl:

„Dass wir keine Scharfmacher seien, zeige schon, dass François Mitterrand und ich in einem gemeinsamen Brief dem litauischen Präsidenten Vytautas Landsbergis aufgefordert hätten, die Unabhängigkeitserklärung Litauens vorerst auszusetzen.“

 

Sorry, unfortunately, it was not exact. The real wording of the letter is wisely flexible and not demanding so much.  I quote now the real document:

 

„Wir wünschen, dass /.../ Gespräche eingeleitet werden /.../ zur Erleichterung der Eröffnung dieser Gespräche, die Auswirkungen für die vom Parlament gefassten Beschlüsses auszusetzen.“

 

You see, there is a substantial difference between „Die Unabhängigkeitserklärung“ oder „die Auswirkungen für die Beschlüsses“, without the definition of what consequences to be “auszusetzen”. Thus I expressed my gratitude in the letters to both leaders underlining their support for us as they stated at the beginning of their letter: „Das litauische Volk hat klar seinen Willen zur Unabhängigkeit zum Ausdruck gebracht. Daraus kann ihm kein Vorwurf gemacht werden.“ You see, no critical word for the allegedly uniletteral step at which Gorbachev was so angry and underlining everywhere: how could they do this! On their own will to proclaim independence. No criticism was issued by H. Kohl and F. Mitterrand. Because of having such principal positions of the Western leaders we could stand strong. Of course, not against tanks, when tanks were sent and people were killed. But they lost even this agression. Then the process of recognition of our independence and the collapse of the Soviet Union went faster. I understood very well the Germans - Helmut Kohl and the Minister - that the situation of Germany was very fragile. The main point was unification, and Kohl did not want any new complications on this way. Unfortunately Lithuania also had no way not to make some complications.

Moderator: Herzlichen Dank, Herr Landsbergis. Ich glaube, es ist ja deutlich geworden, warum das Gorbatschow-Bild in Litauen und das Gorbatschow-Bild in Deutschland fast konträr zueinander ist. Sie, Herr Genscher, haben Gorbatschow als verlässlichen Partner kennengelernt, die Szene am Bonner Marktplatz, die ja auch immer noch das Gorbatschow-Bild mit positiven Einflüssen in sich unvergessen ist. Herr Landsbergis hat andere Erfahrungen gemacht.

Noch mal eine Frage, Herr Genscher. Diese ganze Entwicklung 90, 91 mit der Krisensituation in der Sowjetunion, im Baltikum, auch in den kaukasischen Sowjetrepubliken: war die Gefahr wirklich vorhanden, dass es da zu einer gewaltsamen Eskalation kommen könnte und hätte diese Eskalation dann auch noch den deutschen Vereinigungsprozess gefährden können. Sie haben schon teilweise erwähnt, wie erleichtert Sie waren, als der Zwei-plus-Vier-Vertrag auch in Moskau befähigt wurde, aber ich wollte mal nachfragen, welche Szenarien, gab es sozusagen dieses Horrorszenarium, dass die Sowjetunion gewaltsam zerbricht und dass alles das, was schon in Zwei-plus-Vier relativ sich entschieden schien, noch zerbricht, noch standen hier die Einheiten der Roten Armee in den neun Bundesländern.

H-D. Genscher: Ja, nicht nur standen die Einheiten der Roten Armee dort, sondern sie waren legitimiert hier zu stehen. Folgerechtlich, und es gab ja auch im Westen durchaus Politiker, die das gar nicht so schlecht fanden. Einer davon ist vor wenigen Tagen verstorben, der das gar nicht für eine so unnützige Situation hielt. Darum wir müssen die Lage richtig verstehen wollen. Uns noch mal einige Jahre zurück versetzen, bevor diese Ereignisse stattgefunden haben. Nach dem zweiten Weltkrieg hat es ja immer wieder im sowjetischen Machtbereich in einzelnen Staaten den Versuch gegeben, sich gegen die sowjetische Vorherrschaft aufzulehnen. Der erste Volksaufstand fand am 17. Juni 1953 in der DDR statt. Der zweite 1956 in Ungarn. Es gab immer wieder Volksaufstände in Polen. In der Tschechoslowakei wurde 1948 eine relativ demokratisch gewählte Regierung ihres Amtes enthoben, so eine Art Staatsstreich von Moskau. 1968 gab es die Intervention in der Tschechoslowakei zur Niederschlagung des sogenannten Prager Frühlings. Das Kriegsrecht in Polen. Und 1989 war alles anders. Das waren immer Ereignisse in dem Land, in dem Land, in dem Land. 1989 gab es eine Freiheitsentwicklung überall im sowjetischen Machtbereich. In der Sowjetunion selbst, aber auch in den Staaten des Warschauer Pakts. Das war eine fundamental verschiedene Situation. Natürlich hatte zu dieser Entwicklung auch die Veränderung der Machtposition in Moskau beigetragen. Als Gorbatschow Generalsekretär wurde, führte er bald ein Telefongespräch mit dem Nobelpreisträger Sacharow. Das hatte für die sowjetische Gesellschaft eine enorme Signalwirkung. Ich bin dem Mann zum ersten Mal begegnet 1987. Und zwar, Entschuldigung, 1986 in Moskau. Und da saß ich dem Generalsekretär gegenüber, der hatte nur einen Mitarbeiter dabei. Wenn ich früher mit Brezhnev gesprochen hatte, dann saßen da zehn Leute. Und Brezhnev war in einer bemerkenswerten gesundheitlichen Situation. Er hatte vor sich ein Bündel Papiere liegen und dann hat er vorgelesen. Er las vor, „Herr Genscher, ich begrüße Sie und so weiter, und so weiter, und so weiter. Und dann macht er ein Punkt, und zwar, im klarsten Sinn des Wortes er nahm ein Bleistift, machte ein Kreuz, damit er wusste, wie weit er vorgelesen hatte. Und dann wurde dieser Text übersetzt. Der Dolmetscher hatte schon den Text in deutscher Sprache. Und neben dem Dolmetscher saß ein weiterer Beamter, der hatte einen riesigen Aktenbündel, mit Zahlen, und ich wusste sogar, was das bedeutet. Als Brezhnev seine Rede beendet hatte, sagte er: nun haben Sie das Wort. Dann habe ich also gesprochen und jetzt sagte ich, dass ich darüber oder darüber zu beschweren habe. Daraufhin sah ich, wie seiner Mitarbeiter auf einer der Liste guckte, Punkt dreiundzwanzig, dann holte er aus der Akte ein Stück 23 raus, das war schon vorformuliert, auf die zu erwartende Frage von mir war bereits die Antwort vorbereitet und wurde vorgelesen. Sie können sich das nicht vorstellen, das kam sich vor, wie Mitspielen in einem Theaterstück. So dass ich mir überlegt habe, ehe ich nach Moskau reiste, wie wird es, wird es jetzt genauso gehen. Und Mitterrand war kurz vorher mit Gorbatschow zusammengetroffen, und ich ließ ihn fragen, ob ich ihn aufsuchen könne. Ich hätte jetzt eine Einladung zu Gorbatschow, ich wollte mit ihm darüber reden, wie das läuft. Dann sagte Herr Mitterrand zu mir, „also Herr Genscher, er ist vollkommen anders, so ist es, wenn ich mit ihm rede, so heißt es, dass ich mit ihm rede, er wird Sie auch unterbrechen, Sie können ihn unterbrechen.“ So war das. Er hatte ein Haufen, aber unbeschriebenes Papier, es wurde unterbrochen, Notizen machte „das war nicht so“ und dann habe ich da geantwortet. Und dann sagte der Mann zu mir folgendes, und das war für mich ein Schlüsselerlebnis. Da sagt er: „Ich will Ihnen etwas sagen, was mein Problem ist. Ich bin der Generalsekretär der kommunistischen Partei der Sowjetunion. Ich bin der mächtigste Mann in diesem Land. Ich kann mit Stolz feststellen, dass wir in der Raumfahrt den Amerikanern ebenbürtig sind.“ Das war zum Teil untertrieben, zum Teil hatten sie die Nase vorn. „Wir sind in der Rüstung den Amerikanern ebenbürtig. Herr Genscher, Sie werden es nicht glauben, wir sind nicht in der Lage, unseren Leuten genügend Autos, Kühlschränke, Fernsehgeräte, Wohnungen zu besorgen. Was ist falsch in unserem System?“

Herr Landsbergis, der wie ich Gelegenheit hatte, einige Jahre dieses System zu genießen, wird mir zugeben, das war die Systemfrage. Das das war also wie für in der katholischen Kirche (nesuprantamas tekstas), wenn der Papst sagt, warum ich nicht verheiratet bin. Und das war für mich etwas vollkommen Neues. Und so hat dieser Mann mit seinem Infragestellen der Ortodoxie des Marxismus-Leninismus eine Art Revolution von Oben eingeleitet. Und das hat natürlich diese Freiheitsbewegungen überall beschleunigt und so war's ihm keine Überraschung, dass gleichzeitig überall losging und die einen durch die anderen sich ermutigt fühlten. Solidarnoschz erzielte einen enormen Erfolg natürlich durch die große Unterstützung durch die katholische Kirche, die in Polen besonders starke Stellung hatte. Der polnische Papst hatte zusätzlich, natürlich er war ein wirklicher Hoffnungsträger für die polnische Entwicklung. Das wiederum hatte Auswirkungen in Ungarn, dort waren Reformkommunisten, es hatte Auswirkungen in der DDR,  und es ermutigte Leute und seine Mitstreiter dann im Herbst 1989 ebenfalls nun dort auf die Straße zu gehen um das zu erreichen. Das heißt, wir erleben nach vielen nationalen antikommunistischen Revolutionsversuchen diesmal eine Freiheitsrevolution, die nicht mehr eine deutsche war, oder eine polnische, oder eine tschechische, oder eine litauische. Sondern zusammengenommen eine europäische Freiheitsrevolution. Und ich weise darauf hin, weil ich glaube, dass wir im Rückblick auf diese Zeit eines vergessen, was, ich meine, diese Herrschaften, die heute Europa in Frage stellen, nicht beachten. In dieser wirklich sehr blutigen oft europäischen Geschichte sind unsere Völker immer wieder aufgehetzt worden. Und es gibt einen Moment in der europäischen Geschichte, wo die Völker Europas sich so nah waren, wie niemals zuvor. Das war im Herbst 1989. Da haben die einen gehofft, dass die frei werden, und die anderen haben gehofft, dass die frei werden. Ich wünsche mir, dass wir eine Lehre mitnehmen. Nämlich, an der Freiheit niemals zweifeln, aber auch sich bewusst zu sein, dass wir Europäer nur dann  etwas erreichen können, wenn wir es gemeinsam tun. Dann werden wir unsere Zukunft schaffen, und nicht in der Weise, wie heute alte nationale Gefühle neu gegen die europäische Einigung mobilisieren wollen.

Moderator: Das war eigentlich schon fast ein Schlusswort, und ich denke, ja, ich lasse auch so Sie nicht weggehen, Herr Genscher. Eine ganz indiskrete Frage. Sie haben es ja sehr schön geschildert, wie Gorbatschow war plötzlich Mensch, mit dem man einen Dialog führen konnte. Und diese Perestroika hat ja wirklich das System geöffnet. Wann haben Sie eigentlich das erste Mal wirklich gedacht, dass auch diese so festzemmentierte deutsche Frage in diesem Prozess, dass da Bewegung reinkommen könnte.

H-D. Genscher: Das kann ich genau sagen. Als ich nach diesem ersten Gespräch das Zimmer verlassen habe, ich wurde nur begleitet von unserem Botschafter und meinem damals Exmitarbeiter, Gerold von Braunmühl, der kurz danach ermordet wurde. Ich habe zu Ihm gesagt, ja Herr Braunmühl, wenn dieser Mann das alles macht, was er uns heute gesagt hat, und das alles in Frage stellt, was er heute in Frage gestellt hat, dann kommt eine Entwicklung im Gang, in der wir eine reale Chance haben, die erste reale Chance haben, dass unser eigenes nationales Anliegen nämlich die deutsche Einheit sich verwirklichen kann. Das war das Gefühl, da hat sich etwas geändert, weil einfach solche gefestigte Ideologie von der Spitze in dieser Form in Frage gestellt wird, dann kann das nicht lange weiter so gehen, wie es war, und ich glaube, dass wir heute sagen müssen, Gorbatschow natürlich, wenn er hier im Raum wäre, würde er nie behaupten, dass er die Entwicklung so, wie sie kam, gewollt hatte, er ging davon aus, dass der Sozialismus zu reformieren ist. Er würde uns heute sagen, er war gar nicht so reformiert. Er ging davon aus, er könne ihn reformieren, das war der eigentliche Irrtum. Er hätte das heute nicht mehr bestreiten.

Moderator: Herr Landbergis, wann haben Sie das erste Mal gedacht, es könnte eine reale Chance sein, dass dieses Litauen wieder eine unabhängige Demokratie wird und aus den Klammern der Sowjetunion herauskommt.

V. Landsbergis: For me it was never a question if but only when. My old father used to say firmly and with conviction: you will see them flying out, but not I, unfortunately, I’m too old. Nevertheless he lived till 100 and he saw dissolution of the USSR and the restored Lithuania as well, being participant of our civic liberation, once again like then in 1918, 1920 when he fought for it with arms. I believed in my own way that Soviets will go bankrupt and that gives a chance for all captives including East Germany, of course. Actually it came in late eighties, and no limited Perestroika could stop the crumbling of prison. Then it was a question – how to drive?  So from one point it could be seen that Gorbachev wanted to improve socialism. But we saw it clearly that he wanted to save the empire by making some reforms, giving some more liberties for business, for enterprises, giving the State property to communists as private property. So there were some reforms, including openness and including that censorship lost its previous might. Those were his own means how to get the Soviet Union reformed.  But the Soviet Union kept on not asking the nations and republics if they want it or not. Unfortunately, he was not only making reforms, but he used force shedding blood.

I understand that Gorbachev’s image in Germany is very different. Suppose, Germans look at him through limited glasses or special glasses, mostly from the point of unification. The man who allowed unification, like a saviour. But he was not a single person in the USSR leadership being informed from secret research that the DDR was approaching an economic abyss with political collapse and would become an unbearable burden for the USSR. Thus it is better to allow them to go out and hang on the neck of the Western Germany, maybe sinking it. Fortunately, West Germany was sufficiently strong and able to embrace the East. But actually that was not a decision of great idealism but of pragmatism: how to get rid of this unbearable burden and to hang it on West Germany.

For Lithuania, of course, his name is related with those times what we were speaking about.  But at the beginning of Gorbachev’s time we got a chance to build up and implement our policies of peaceful self-liberation via free elections, via new true parliament and its decision. Unfortunately, Gorbachev stayed an unsuccessful saviour. It is good that he was unsuccessful in saving the empire, but he was that unfortunate saviour and did not stop and even approved bloodshed. Thus his portrait in Lithuania remains stained with blood, and when he refuses even to witness for the investigation and to cooperate with the judiciary, that makes matters even worse. The day of extreme importance in the history of Europe was peaceful dissolution of the last European empire, which Gorbachev did not succeed in saving. After the fall of Berlin Wall across the whole Central Europe, - I appreciate what you, Mr. Minister, said that this revolution happened not in separate countries, but it was European revolution for the Central and Eastern Europe.  Similarly we saw Berlin Wall – not across Berlin only, but across all Europe that was Berlin Wall which should be destroyed and removed.  But in the Baltic States indeed there were concerns, first in Lithuania - that it could be a danger if the wave of democracy stopped on the lines of Stalin and Molotov, which meant an imposed border of the USSR. Lithuania was the first not to allow the line to stop there, and the European wave of liberation from communism and Soviet captivity went further eastwards. And we agreed, Mr. Minister, in 1991 that Lithuania had in her own way contributed to the reunification of Germany by weakening the empire from the its back. The Baltic Way manifestation just before the famous speech of Helmut Kohl. He was aware that only a week ago two million of Baltic people went out to the highway from Vilnius to Tallinn. Of course, Helmut Kohl was aware of this event and therefore he underlined strongly in his speech that Teufelspakt and its consequences should be removed. 

Speaking about our concerns, they were expressed in an official statement of the Council of the Baltic States on September 5th 1990, one week before this agreement in Moscow.  I quote: “The world community is near the resolution of one more problem resulting from World War 2 – the reunification of Germany. The Council of the Baltic States welcomes this event, the realization of firm desire of German people in accordance with principles of justice and humanism. But the Council of Baltic States expresses deep concern that the resolution of the German question may be held to be the final step in the liquidation of the consequences of World War 2 and that the fate of the Republic of Estonia, Republic of Latvia and the Republic of Lithuania will once again be decided without the knowledge of our people.” Therefore we interfered: very good, we appreciate and welcome the unification, but it is not yet the end, it cannot stop at Stalin’s borders.  And it did not stop because democracy.

H-D. Genscher: Das ist ja der Grund, warum ich gesagt habe, jetzt mit Ellemann-Jensen zusammen, wir müssen ein zusätzliches Zeichen setzen unserer Anerkennung, die wir aussprechen durch den Austausch diplomatischer Missionen. Dass es nicht der letzte Schritt ist die deutsche Vereinigung. Wir hatten unseren Paket im Sicheren, damit ist alles erledigt, sondern wir haben es damals diese Freiheitsrevolution als eine europäische betrachtet, es gibt auch keinen Zweifel. Wenn die DDR allein den Volksaufstand versucht hätte und runterum wäre der gesamte sowjetische Machtbereich ruhig gewesen, wäre die Reaktion eine völlig andere gewesen. Das selbe gilt für Polen, das selbe... nur weil der ganze sowjetische Machtbereich war, hat das die Wirkung gehabt, dass man gesagt hat, dem können wir nicht mehr in den Arm fallen, das müssen wir mehr oder weniger tolerieren. Nicht dass das meine ich, wenn ich sage, es war eine europäische Freiheitsrevolution und zeigt auch, was die Europäer bewirken können, wenn sie gemeinsam handeln.

Moderator: Meine Herren, 25 Jahre fast.

V. Landsbergis: ..It could be very correct. Always talking about reunification of Germany to see it as a very important part of reunification of Europe.

Moderator: Ja, ja, richtig. Ich will jetzt mal den Blick zurückwerfen, meine Herren. Fast 25 Jahre sind vergangen seit der Menschenkette zu Gedenken des Hitler-Stalin-Pakt. Litauen ist unabhängig, demokratisch. Nicht nur das. Litauen ist ein Mitglied der Europäischen Union, ist Mitglied der Nato. Deutschland ist eine vereinigte Demokratie. Eigentlich wage ich die Frage fast nicht zu stellen. Ich will sie doch stellen. Was ist nach 25 Jahren in Ihrer Erinnerung nicht so optimal. Wo würden Sie noch Defizite sehen in diesen Staaten, wo, Herr Genscher, würden Sie sagen, auch nach 25 Jahre vereintes Deutschland, da bin ich nicht zufrieden, da kann ich nicht sagen, dass ich alle meine Hoffnungen erfüllt habe, die ich damals hatte, als ich dann die Ratifizierung aus Moskau bekommen habe.

H-D. Genscher: Also, zunächst einmal glaube ich, die Tatsache, dass diejenigen Staaten, die damals entweder ihre Unabhängigkeit zurückbekamen, oder unabhängig wurden, heute Mitglied der Europäischen Gemeinschaft sind, und das westlich im Bündnis ist, ist etwas, was anders zu großer Zufriedenheit ist. Was ich mir gewünscht hätte, wäre, dass der Prozess der Demokratisierung jenseits dieses Raumes besser vorangegangen wäre. Das heißt, dass die Demokratisierung der sowjetischen Gesellschaft und des russischen Staates, der russischen Gesellschaft größere Fortschritte gemacht hat, als es das frei gewesen ist, weil das auch für den gesamten europäischen Raum doch eine erheblich Bedeutung hätte, aber es ist im Grunde ein erheblicher Nachholbedarf, ich will mich jetzt nicht in Einzelpunkte, ich könnte mir diese oder jene Sache besser vorstellen, darauf kommt es nicht an. Entscheidend ist, dass wir die Länder, die es wollten, aufnehmen konnten in die westlichen Gemeinschaften. Das, was in Russland geschieht, können wir nicht entscheiden, aber wenn wir es wünschen dürfen, dann wünschen wir, dass der Prozess der Demokratisierung dort größere Fortschritte macht, als es bisher erkennbar ist.

                      Moderator: Herr Landsbergis, wo liegen Ihre Enttäuschungen nach 25 Jahren, oder nach 23 Jahren litauischer Unabhängigkeit.

V. Landsbergis: The main disappointment or the lost chance for now or maybe still for a longer time is Russia’s backsliding from democracy back to authoritarianism and even to oppression and also to wars. New colonial wars in Chechnya and Georgia - that is the greatest, how to say, disappointment, because we wanted and we hoped that Russia was becoming democracy as well. You may remember that when the Baltic States had already acceded to the OSCE and the United Nations, the rest (?) stated in December 1991 clearly and perfectly that the USSR seized to exist. A perfect formula. They did not dissolve, they concluded, it was decision in the form of conclusion. And this decision that the Soviet Union does not exist anymore was ratified by all parliaments of the former Soviet republics. It was the greatest peaceful revolution for democracy indeed. But, of course, this demolition of the Berlin Wall which ceased to exist or was crumbling forever, as it looked so. But is it true or not?

Take the story about the efforts in the European Parliament one year ago to commemorate this milestone in European history that Soviet Union ceased to exist without any civil war, without great bloodsheds, by democratic procedures. The then Russia of B. Yeltsin deserves very high words of praise for this wise form how to resolve problems. Of course, urging them to cooperate again and to the Community of Independent States. That is already another story. But this turning point should be commemorated; and a brief positive resolution was drafted, tabled, but the leadership of the European Parliament did not dare to pass it for vote. Why?

I remember a poem of the famous Russian and Soviet poet Y. Yevtushenko “To inheritors of Stalin”. I don’t have it here but there were lines about his addressing the government. It was in 1962 when Stalin’s body was removed from the mausoleum and given to the soil, of course, at a very important place on that square. But he urged the government in this poem to double, to triple the guard at the grave of Stalin, because he was looking from there and counting his chances when to come back. And if he comes back, past will come back. When you today such words, you see prophecy. The past came back. Unfortunately, that is the greatest disappointment, and so many related problems are still not only in the Central Europe, but maybe all over the world. Even North Korea is from the same source.

Moderator: Ja, meine Damen und Herren, (nesigirdi).

Herr Helg: (nesigirdi) mich gleichfalls für das Karlspreisdirektorium sehr herzlich bei unseren Gästen zu bedanken, aber vor allem beim Hausherrn, bei Professor Markus Baumann, der uns seinen großen Hörsaal seiner wirklich tollen Hochschule, einer hoch renovierten Hochschule, auf der wir in Aachen stolz sind, zur Verfügung gestellt hat.

Ihren Studenten möchte ich eines sagen. Sie haben heute eine Stunde erlebt, die Sie so oft nie wieder erleben werden. Nämlich mit Zeitzeugen zusammenzukommen, Zeitzeugen zuzuhören, von einer Epoche, die 25 Jahre zurückliegt, die für mich in meinem Alter wie gestern war. Für viele von Ihnen ist es überhaupt nicht bewusst gewesen heute vielleicht, was im Einzelnen da geschehen ist.

Verehrter Professor Landsbergis, herzlichen Dank an Sie, und ich darf mir erlauben Ihnen auch ein kleines Buch vom Karlspreis über den Karlspreis zu überreichen.

Lieber Hans Dietrich Genscher, ich tue das mit einem gewissen, na ja, Sie wissen, was ich sagen will, und was ich nicht sagen kann. Vielen Dank.

Und Herr Doktor Tauber, auch Ihnen herzlichen Dank.

Ihnen allen Danke für die Aufmerksamkeit.

Markus Baumann: Meine Damen und Herren, ich möchte natürlich als Gastgeber Ihnen noch mal herzlich danken, ich glaube, Ihnen gehört wirklich der Dank, dass Sie hierher gefunden haben, ich glaube, Sie haben eine ganz tolle Veranstaltung erlebt, ich kann mir den Worten meines Vorredners nur anschließen. Ich habe das ja auch als Zeitzeuge erlebt, war damals noch erheblich junger, aber es ist schon ganz toll, wenn man hier steht und mit diesen Menschen zusammensteht, die in Deutschland und in Europa, in Litauen wirklich das bewegt haben und ich danke Ihnen beiden ganz ganz herzlich, dass Sie hier waren, es war für mich ganz ganz bewegender Moment und ich denke, den Meisten in dem Saal auch. Ganz ganz herzlichen Dank.