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DEUTSCH-JÜDISCHES KULTURERBE IN LITAUEN

Für das Multimediaprojekt „Spurensuche – deutsch-jüdisches Kulturerbe“ haben Reporter der Deutschen Welle weltweit zehn Schauplätze besucht. Die Ergebnisse werden im Internet dokumentiert auf www.dw.de/spurensuche.

Die Reporter erzählen Geschichten von deutsch-jüdischen Einwanderern, die in Amerika, Asien, Afrika oder Europa eine neue Heimat gefunden haben, sprechen mit Künstlern und Historikern, mit Architekten und Fotografen, mit Schriftstellern und Filmemachern – und vor allem mit Zeitzeugen und ihren Angehörigen.

Die Geschichte der Juden in Litauen reicht 600 Jahre zurück: von den Anfängen im 14. bis zur Blütezeit am Beginn des 20. Jahrhunderts. Mit der Nazi-Okkupation wurde sie blutig beendet. Erst nach dem Umbruch 1990 wurde es möglich, das große Tabu der Sowjetzeit zu überwinden. Man begann, sich der jüdischen Opfer und der Vernichtung ihrer Kultur zu erinnern.

Die Geschichte des litauischen Judentums ist eine Geschichte von Aufstieg, Blüte und Vernichtung. Großfürst Vytautas machte den Anfang: 1388 bekamen die Juden, die damals in seinem Machtbereich lebten, erstmals eigene Rechte, Privilegien.

Ab Mitte des 18. Jahrhunderts spricht man dann von einer ersten Blütezeit und Ausdifferenzierung der jüdischen Kultur. Da war einerseits der berühmte und einflussreiche Gelehrte Rabbi Elijahu, der der "große Gaon von Wilna" genannt wurde, eine unumstrittene Autorität in religiösen Fragen. Auf der anderen Seite entstand nach westeuropäischem Vorbild und unter dem Einfluss des deutschen Philosophen Moses Mendelssohn die Bewegung "Haskala" (Aufklärung), die sich für ein modernes Judentum, säkulare Erziehung und gesellschaftliche Integration einsetzte.

Doch gleichzeitig entfaltete sich von da an bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts ein reiches jüdisches Kultur- und Geistesleben, das sich in wissenschaftlichen und politischen Institutionen, Bildungseinrichtungen, religiösen Zentren, Theatern, Buchverlagen und Zeitungen manifestierte. Vilnius wurde mit seinen 110 Synagogen zum "Jerusalem des Nordens". 1925 wurde das YIVO-Institut gegründet, das "Yiddisher Visenshaftlecher Institut" zur Erforschung der jiddischen Kultur und Sprache.

Vilnius als eine strahlende Kulturhauptstadt, Litauen als Kulturland europäischer Juden, in dem schließlich 250 000 jüdische Menschen wohnten – und das bedeutende Künstler in die Welt entsandte. Von hier stammten der Geiger Jascha Heifetz, der Maler Chaim Soutine, der Bildhauer Jacques Lipschitz, auch Ludwig Zamenhof, Erfinder des Esperanto, Max Weinreich, Linguist und Jiddisch-Forscher und viele andere.

Die Katastrophe kam im Juni 1941 mit der deutschen Besatzung: Ghettos wurden in Vilnius, Kaunas und in anderen Regionen eingerichtet und zu Orten unvorstellbaren Leidens. Hetzjagden auf Juden begannen, Verhaftungen, Folterungen, Zwangsarbeit folgten. In großem Stil ermordeten SS und Wehrmacht planmäßig unschuldige Menschen auf der Straße oder an eigens eingerichteten Erschießungsplätzen. Litauische Kollaborateure waren dabei willige Helfer. 95 Prozent der Litwaken - so nennen sich die Juden Litauens - haben die Verfolgung nicht überlebt. Im Sommer 1944, beim Einmarsch der Roten Armee, war das Land zum Massengrab geworden.

Heute gibt es noch knapp 5 000 Juden im Land, die meisten von ihnen sind betagte Überlebende des Holocaust oder ihre Nachkommen.

Mehr Informationen: www.dw.de/spurensuche

Autorin: Cornelia Rabitz/Deutsche Welle